... was bei uns passiert

18.06.2014

Kinder kommen zum Essen lernen

Johannes-Diakonie Mosbach ist Gastgeber des ersten deutschen Sondenentwöhnungscamps

Beim Play-Picknick können sich Kinder spielerisch mit Essen beschäftigen. Foto: Privat

Mosbach. Dreimal am Tag wird der Kindergarten „Kleckse“ zum Schlaraffenland. Dreimal am Tag verteilen Helfer Lutscher, Würste, Schälchen mit Joghurt und andere Leckereien auf einem Tuch, das auf dem Boden ausgebreitet ist. Dreimal am Tag lassen sich Eltern zum Essen nieder, während ihre Kinder Gelegenheit haben, sich nach Lust und Laune mit dem Essen zu beschäftigen.

Die sogenannten „Play-Picknicks“ sind Teil des zweiwöchigen Sondenentwöhnungscamps, das im Kindergarten der Johannes-Diakonie Mosbach seine Deutschland-Premiere feiert. Das Ziel: Kinder, denen Nahrung bisher per Sonde direkt in Magen oder Darm verabreicht wurde, an normales Essen zu gewöhnen. Die meisten der Teilnehmer sind im Kleinkindalter. Nahrung zu kauen und zu schlucken ist für die Kleinen noch ungewohnt, da sie wegen einer Früh- oder Mangelgeburt lange per Sonde ernährt wurden.

Angeboten wird das Camp von „Notube“. Die Firma hat sich das „Grazer Modell“ der Kinderärzte Marguerite Dunitz-Scheer und Peter Scheer zum Programm gemacht und bietet für kleine Patienten aus ganz Europa Sondenentwöhnung an. 2013 fand das erste Camp dieser Art im französischen Mayenne statt. Durch Zufall ergab sich der Kontakt zur Johannes-Diakonie in Mosbach, die nun ihrerseits zum Gastgeber für „Notube“ wurde.

15 Kinder aus sechs Nationen sind mit Eltern und zum Teil Geschwistern nach Mosbach gekommen, um Essen zu lernen. Jeden Tag treffen sich alle zu Workshops, Erfahrungsaustausch, Therapiestunden ‒ und natürlich zu gemeinsamen Mahlzeiten. Frühstück und Abendessen werden in der kleinen Küche des Kindergartens zubereitet, das Mittagessen kommt von der Johannes-Diakonie.

Schon nach wenigen Tagen zeigen sich erste Erfolge. Einige der Kinder lassen sich bereitwillig von ihren Eltern füttern, andere sehen die Speise eher noch als Spielzeug. Der Erfolg ist aber bei den meisten nur eine Frage von Geduld und Zeit. In neun von zehn Fällen klappt die Entwöhnung. „Ein Kind will leben, daher muss es essen“, so erklärt Peter Scheer die Philosophie des Camps. „Und wir versuchen alles, damit das Kind ins Schlaraffenland übersiedelt.“

Scheer und seine Frau sind von den Bedingungen begeistert, die ihnen die Johannes-Diakonie als Veranstaltungsort bietet. Patienten und Therapeuten nutzen die Kindergarten-Räume, die jetzt in den Pfingstferien nicht gebraucht werden. „Kochen, Essen und Therapien sind hier auf engstem Raum möglich“, erklärt Marguerite Dunitz-Scheer. „Für uns könnten die Bedingungen nicht besser sein.“ Eltern finden im Camp genug Zeit, um sich kennen zu lernen und sich auszutauschen. Ihre Kinder können währenddessen nach Herzenslust spielen oder auf dem nahen Spielplatz toben. Die Scheers freuen sich außerdem über ehrenamtliche Helfer aus der Umgebung und können sich gut vorstellen, auch das nächste Sondenentwöhnungscamp in Mosbach zu veranstalten.